Unsere zwei Selbste

Unter diesem Link hier findet ihr einen TED-Vortrag von D. Kahnemann, in dem sehr nett der Unterschied erklärt wird zwischen dem Erlebenden Selbst (das ist das Selbst, das in der Gegenwart lebt und Erfahrungen macht) und dem Erinnernden Selbst (das ist das Selbst, das die wenigen Erfahrungen verwaltet, die wir nicht vergessen, das sich diese Erfahrungen immer wieder in Form kleiner, wandelbarer Geschichten erzählt und auf dieser vorwiegend fiktionalen, oft extrem verfälschten Basis die Entscheidungen für das Erlebende Selbst trifft).

Für mich verdient dieser Vortrag ein Whoah, weil ich zwar schon einiges darüber wusste, wie ausgedacht und verzerrt unsere Erinnerungen gewöhnlich sind, aber im Sinne von einer Auftrennung des Selbst in ein Erlebendes und ein Erinnerndes hatte ich noch nicht darüber nachgedacht.
Der Gedanke wirkt ein bisschen psychotisch, so auf den ersten Blick, aber wenn wir uns das Erlebende Selbst als drei-sekunden-langes Bobbycar vorstellen, unter dem der Zeitpfeil langrollt, und das Erinnernde Selbst als Blag, das auf dem Bobbycar mitfährt und Fähnchen in den Zeitpfeil steckt, wenn das Bobbycar über etwas erinnernswertes gerumpelt ist, wird die generelle Einheit in der Verschiedenheit von passivem Erlebendem Selbst und aktivem Erinnerndem Selbst deutlich.

Mich persönlich beunruhigt das Wissen, dass mein ganzes Leben bis zu den aktuellen drei Sekunden an sich nur eine Art Comic aus vage erinnerten, zusammengestückelten Skizzen ist, die ich auch noch unbewusst verändere, jedes mal wenn ich sie mir ansehe. Die Unterscheidung der Person, die ich bin, und der Person, die zu sein ich mich erinnere, ist da irgendwie eine kleine Hilfe zum Besserfühlen. Sobald ich über mich nachdenke, erzähle ich mir eine Geschichte über mich selbst. Aber wenn ich einfach nur erlebe, bin ich ich, und zwar wirklich. So kann ich also doch Zeit mit mir verbringen, und nicht nur mit dieser Skizze aus Erinnerungen daran, wie ich in irgendwelchen vergangenen drei Sekunden war.

Erinnerungen und Erwartungen für die Zukunft sind etwas sehr wertvolles, eben weil sie alles sind, was wir – abgesehen von den aktuellen drei Sekunden – jemals vom Leben haben werden. Das ist an sich tragisch, weil es nicht nach viel aussieht. Auf der anderen Seite ist es aber sehr viel, denn was würde eine Lebenserwartung (see wat I did thar?) von rund 100 Jahren bringen, wenn wir ausschließlich in einem Drei-Skunden-Spotlight existieren würden und nicht auch noch in unserem persönlichen Comic des Lebens, durch den wir uns von Raum und Zeit (und Realität) unabhängig machen und über den Rand der Drei Sekunden hinausblicken können.

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3 Kommentare

  1. Ela

     /  19-04-2010

    Aarggh ich habs total verpeilt dich zurückzurufen über meinem Rumgeschniefe am WE – soooorryyyy!:(
    Aber den Artikel find ich super, ich war mir immer schon bewusst, das Erinnerungen stark konstruiert sind und vermutlich nicht viel mit der eigentlichen Situation zu tun haben, aber ich finde das eigentlich positiv – ich stelle z.B. fest, dass über eine belastende Situation immer und immer wieder nachdenken (sie mir quasi immer wieder zu erzählen, bis es mir zum Hals raushängt;) mir hilft Distanz zu schaffen. Ich hab das bisher Fiktionalisierung genannt und scheinbar hatte ich gar nicht so Unrecht damit!;)

    Antworten
    • Kein Problem, ich lebe ja noch ;) Und der Name deiner Taktik passt tatsächlich :-)

      Was die wissenschaftliche Seite der Distanzierung von unangenehmen Ereignissen angeht:
      Studien haben gezeigt, dass es zur Distanzierung effektiv ist, wenn man direkt nach einem unangenehmen Ereignis etwas tut, das einen davon abhält, überhaupt nachzudenken. Im Fall der Studie, über die ich gelesen habe, war das Tetris spielen. Soweit ich das verstanden habe, verhindert diese Taktik, dass im ersten Gefühlssturm gleich die Weichen dafür gestellt werden, dass einen das Ereignis noch lange nachhängt. Außerdem signalisiert es der eigenen Psyche, dass das Geschehene gar nicht sooo schlimm gewesen sein kann, denn immerhin hat man direkt danach Tetris gespielt, anstatt drüber nachzugrübeln ô.o Dabei ging es zwar speziell um traumatische Ereignisse und PTSD, aber ich sehe keinen zwingenden Grund, warum es bei nicht-traumatischen negativen Ereignissen nicht auch hilfreich sein könnte.

      Ich persönlich distanziere mich von unangenehmen (sozialen) Situationen, indem ich sie mehr oder weniger sozialpsychologisch auseinandernehme. Ich mach also ne Literaturanalyse, um mal bei dem Bild von der Geschichte zu bleiben. Außerdem konzentriere ich mich darauf, was ich in der Situation neues gelernt habe, und versuche, Möglichkeiten auszuarbeiten, wie ich verhindern kann, dass so eine Situation noch einmal auftritt, und was ich tun kann, wenn die Vorbeugung versagt.
      Das nennt sich dann Self-Efficacy. Außerdem lässt es die Situation deutlich weniger schlimm aussehen, wenn man sagen kann: In dieser, jener und welcher Hinsicht habe ich Nutzen aus dem Ereignis gezogen, und ich brauche keine Angst zu haben, dass der gleiche Mist nochmal passiert.

      Antworten
  1. Kunst, Sartre, Buddhismus und Zwölftonmusik (und der gute alte Lovecraft) » www.tine-schreibt.de

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